- Musik ensteht nach dem Leben (Tagebuchauszüge)

Die Begegnung mit
der "inneren Musik",
eine Vorgeschichte
in Marburg

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Melodie ist es egal, wie sie zu Dir kommt, Hauptsache Du nimmst sie an und spielst sie.
(Alexis Corner auf einem gemeinsamen Workshop
Emden 1974)

Auch wenn ich schon seit frühester Kindheit immer wieder
Begegnungen mit lebendiger, weil live gespielter Musik
hatte, geht meine erste Erfahrung der "inneren Musik" auf
eine Begegnung mit einem Fluss zurück.

Sommer 1976...bereits sehr früh am Morgen aus dem
kleinen Dorf meiner Großeltern mit der Klampfe unterm
Arm losgelatscht....querfeldein durch taunasse Wiesen,
durch einen Wald. Die Gegend dort ist leicht gebirgig.
Nach zweistündigem Spaziergang, der mich auch durch
die Vororte Marburgs führt gelange ich schließlich nach
Waidenhausen. Dort gibt es eine besonders schöne
Stelle am Fluss, der Lahn.

offene Felder...Cyriaxweimar...Waidenhausen...die Lahn...die Reise ins Elmenland beginnt

Ich laufe weiter am Fluss entlang, bleibe an der ein oder
anderen Stelle stehen. Es ist ruhig, das Wasser plät-
schert, Vogelstimmen, die Gedanken schweifen ab.
Ziviprozess, Abiparty, der Selbstmord einer nahen
Bekannten, "Barfuss durch die Hölle" - ein sieben-
teiliger japanischer Beziehungsfilm zu Zeiten des 2.
Weltkriegs...und neben mir der Fluss.

Die Lahn fließt hier in den Sommermonaten sehr flach.
Ich finde eine Stelle mit einem gebrochenen Baum. Er
liegt halb im Wasser...und blüht. Ich steige an seinem
Stamm entlang und finde in einer Astgabel einen halb-
wegs bequemen Platz zum Sitzen und Klampfen, doch
nach einigen Akkorden und Melodien geht nichts mehr.
Ich werde unsäglich müde, döse ein..., ein Tagtraum:

...ein anderer breiter Fluss fließt vor mir. Über den Wel-
len sammelt sich glitzernder Nebel. Aus dem Nebel
entstehen Bilder über dem Wasser: Bilder....sterben-
der Kinder
in Afrika ... der Fluss fließt...Bilder von Hetz-
kampagnen der deutschen Presse gegen Linke...der
Fluss fließt...eine unsägliche Trauer überzieht das
Land....der Fluss fließt...schemenhaft entsteigen ihm
Menschen aller Rassen, klagen....dann stimmen sie
gemeinsam eine alte Melodie an, die ich bis dahin
nicht kenne... der Fluss fließt...die Töne der Melodie
schweben wie leuchtende Perlen über dem Wasser.

Ich werde wach, die Sonnenstrahlen spiegeln sich in
den Wellen der Lahn, am anderen Ufer eine Kinder-
gartengruppe auf Wanderschaft, die "alte" Melodie
bleibt in meinem Kopf,
ich spiele sie auf der Gitarre,
seltsam und vertraut erprobe ich Tonfolgen und Ak-
korde, die ich vorher nie gespielt habe...eine Musik
mit und für einen Fluss...dann Stille...
Leider ließ sich das damals mit keiner meiner Bands
umsetzen und ich verstand, das dieser Moment nur
für sich und mich zu verstehen war.

Die musikalische Reise
begann
in Ostfriesland...

Einige Bandjahre, Begegnungen und Erfahrungen
später sollten gerade diese ersten Begegnungen mit
den Klängen aus dem Inneren Grundlage für eine
eigene Musik, weit ab von den sonst üblichen Kom-
positionen und Instrumentarien werden. Die Akkus-
tikgitarre stand zunächst im Mittelpunkt. Als grobes
Thema diente die Begegnung mit dem Fluss. Ein
viertelstündiges Musikstück aus vielfältigen Ein-
zeleindrücken und Melodien entstand, zunächst
als reines Gitarrenarrangement später z. T. von
einem befreundeten Musiker mit Tabla-Rhythmen
und Shines unterlegt. Als Aufnahmeequippment
diente ein geliehener Vierspurrekorder, "gemastert"
wurde dann auf Kassette...

...und führte weiter
nach Bremen...
Weitere Akkustik-Sessions führten mich weiter weg
von der Rockmusik und den westlichen Klängen und
Rhythmen. Erste Erfahrungen mit orientalischen
Instrumenten und Musikern aus der Baghwan Szene
und aus der arabischen Welt in Bremen. Aber noch
fehlte es der Musik an Tiefe und Klang. Dies sollte
sich erst ein paar Jahre in einer anderen Stadt ver-
wirklichen lassen...

...nach Kiel...

...von dort nach Südfrankreich...

...ins Baltikum...

...nach Marokko...

...nach Süditalien...

...in die Türkei...

...nach Griechenland...

...und immer wieder ins Studio nach Kiel...

 

...Die ersten Exkursionen in die Klangspeicher des
Keyboards verbinden sich mit meinen Erinnerungen
....Chöre und Synthesizersounds und meine Gitarre
beginnen sich Stück für Stück anzufreunden.....Me-
lodien entstehen aus schemenartigen traumartigen
Vorstellungen... teils weit entfernt...teils sehr kon-
kret....Traum und Wirklichkeit....Kreativität und
Handwerk... und das leidige Lernen der notwendigen
Synthie- und Computerprogramme sollen mich
die nächsten Monate beschäftigen...

Hier im Keller entsteht mit verschiedensten Akus-
tikinstrumenten und Synthies das, was mir immer
vorgeschwebt hat, mich als Ahnung einer anderen
Musik getrieben hat...in der Ruhe eines elmschen-
hagener Kellers, des ersten „Creativstudios“, ent-
steht das erste
Elmenland, finden alle Ideen, in
der Ruhe der Jahre gereift, ihre erste Produktions-
gestalt, ihren ersten Ausdruck, ihre Ihnen gerecht
werdende Form.

Elmenland...die musikalische Reise ins Innere
hat begonnen und hat mich seit dem viele Reisen
in die äußere Welt und zu Musikern anderer Kultu-
ren
machen lassen. Dabei konnte ich auch immer
wieder Musiken und Instrumente dieser Kulturen
kennen- und spielenlernen, habe neue Freunde dort
und hier gefunden, die ähnlich und doch so ver-
schieden fühlen und denken, aber in der Musik eine
erste gemeinsame Sprache finden.

Es ist vielleicht ein Wagnis in unserer westlichen
Welt sich der Sprache der Musik ohne profunde
Ausbildung in meiner Art zu nähern und damit an
die Öffentlichkeit zu gehen, aber ich werde mich
darauf verlassen, dass die stete Wandlung mich
immer wieder zu immer Neuem führt und dabei
doch „nur“ neue Facetten eines immer schon
„Bekannten“ entblättert – der Kommunikation
untereinander, der Begegnung und so des Daseins.

...und immer wieder entsteht Musik nach der Wahrnehmung des Klangs einer Landschaft, von Menschen, von Stille..
Die Welt ist Klang, klingt überall anders und wird
überall anders interpretiert. Um dieses wahrzu-
nehmen braucht es keine Psychotherapien oder
Gruppen. Wenn es denn so etwas wie eine Eso-
terik gibt, besteht sie für mich darin, wach für den
Moment zu sein und ohne Interpretation die un-
endliche Bereicherung des Augenblicks mit allen
Sinnen wahrzunehmen.

Daraus wieder Musik zu schöpfen ist der Brunnen,
der Fluss, das alles.

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